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Raus aus dem Schrank

21.09.2019 - 19:08

1500 Leute auf dem ersten Ingolstädter CSD

Von Veronika Hartmann

Die Sonne lacht, das Leben lacht und die Menschen lachen auch: So mag man das Leben und ganz besonders auch die Schanz. Mit dem ersten Christopher Street Day, der in Ingolstadt an diesem Samstag zum ersten Mal stattfand, haben die Menschen, die das Lachen lieben, gezeigt dass sie da sind: Der Josef-Strobel-Platz, wo das Event seinen Ausgangspunkt hatte, war gefüllt mit bunten, gut gelaunten Menschen, die von dort aus durch die Innenstadt demonstrierten, bevor sie am Anfangspunkt bei immer noch bestem Wetter in den Partymodus übergingen.

Die LGBT-Community in Ingolstadt hatte es noch nie gewagt eine Gay-Pride-Parade zu organisieren. Schwule und Lesben halten sich auf der Schanz – im Vergleich zu anderen Städten – lieber bedeckt. Bis heute. „Ingolstadt ist aus dem Schrank gekommen!“, freute sich die grüne OB-Kandidatin Petra Kleine von der Bühne: Eindringlich beschrieb sie die Bemühungen der LGBT-Community in den vergangenen 30 Jahren in Ingolstadt sichtbar zu werden und war sichtlich ergriffen zu sehen, dass das einst Unmögliche plötzlich gelebte Realität geworden ist. Ein Zug durch die Innenstadt, der die Selbstverständlichkeit von Lebens- und Liebesmodellen jenseits der gängigen Moralvorstellungen stolz demonstriert und feiert. Weit mehr Menschen, als die Veranstalter – ein Bündnis verschiedener Parteien, wie der Linken mit Eva Bulling-Schröter, den Grünen, der Partei, verschiedenen Institutionen und Privatpersonen – waren gekommen, um diesen besonderen Tag zu feiern: mit viel Fantasie, vielen Küssen und viel Musik und Tanz.

Auch Christian Pauling, der als OB-Kandidat der Linken ebenfalls sprach, zeigte sich ergriffen. Der Ingolstädter, der seine sexuelle Identität erst finden konnte, als er die Schanz weit hinter sich gelassen hatte, konnte gut in Worte fassen, wie es jungen Menschen gehen kann, die merken, dass sie „anders“ sein könnten.

„Spielen, Party, Lust und Leute. Hier triffst du die Menschen schön an.“, sagt Marcel, nebenbei beglitzert er seine Gesprächspartner mit Goldstaub und fügt hinzu: „Der CSD ist etwas, was verbindet. Es ist eine Demonstration für das Richtige, die richtigen Themen“. Für Ingolstadt ist der erste CSD, so Marcel, ein progressiver Schritt: „Ingolstadt ist immer verhindert in der bauchstreichlerischen Regressivität“, findet er und freut sich, dass mit dem CSD eine gute Symbolik in die Schanz einzieht. Symbolträchtig findet er auch, dass der Schirmherr, Oberbürgermeister Christian Lösel, nur eine sperrige Botschaft verlesen ließ und keine offiziellen Vertreter der CSU ihre Solidarität gezeigt haben. Während die Linke und die Grünen mitorganisiert haben waren SPD Und FDP gut sichtbar dabei. CSU und AfD glänzten durch Abwesenheit.

Der CSD ist und bleibt ein Politikum, auch wenn er nach außen hin wie eine große Party aussieht. Man hört es nicht nur aus den Reden, die an den Ursprung vor 50 Jahren anknüpfen, als die Gay-Community in den USA erstmals geschlossen gegen die ständige Schikane durch Polizeikräfte aufstand – Zeiten, die, wie man meinen sollte, lange dem Neben der Geschichte angehören sollten, aber offensichtlich noch präsent sind. Man merkt es auch an der echten und tiefen Ergriffenheit der älteren Generation, die sich nie hätte träumen lassen, dass vor der Kulisse des Kreuztors so viele Regenbogenfahnen wehen könnten.

Aber während die Schanzer die Befreiung feiern, dass sie endlich einen CSD begehen können, wandert gleichzeitig ein neues Gespenst mit: Mit den Wahlerfolgen der AfD werden die Rechte von Schwulen und Lesben, aber auch von Frauen, wieder massiv in Frage gestellt. Die Selbstverständlichkeit der LGBT in Ingolstadt, mit der sie das erste Mal durch die Straßen ziehen konnten steht in einer so rechtskonservativen Stadt wie der Schanz auf tönernen Füßen. Geschlechterklischees gängeln nicht nur die Exoten, sondern in letzter Konsequenz die gesamte Gesellschaft. Das Politikum bleibt also brisant, auch wenn das Partyvolk an diesem Samstag den ersten Teilsieg feiern durfte.

„Die Szene weiß gar nicht wie viel Power sie hat“, mutmaßt Eva Bulling-Schröter und hofft, dass der erste CSD dahingehend die Augen öffnet. Denn die Schnittmenge der CSD-Community mit den Zielen von Fridays for Future und vielen anderen Gruppierungen ist offensichtlich. Wenn all diese Menschen gemeinsam für ihre Ziele und Vorstellungen einstehen, gewinnen sie eine Macht wie sie dieses Land noch nicht gesehen hat und der CSD – so wie bereits die Fridays for Future Demonstration am Vortag – scheint einen Schatten zu werfen auf etwas Großes, das noch kommen kann.

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