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Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?

17.11.2017 - 10:23

Im Sozialausschuss wurde gestern bedenklich grenzwertig über dunkelhäutige und Asylbewerber an sich diskutiert

Von Michael Schmatloch

Der Kabarettist Gerhard Polt hat es einmal so beschrieben: Da sitzt er als bayerischer Beamter auf der Terrasse seines Hauses im Voralpenland bei einem Glas Weißbier, schaut auf die Berge, die grünen Wiesen und den weißblauen Himmel. Und kommt schließlich zu dem Schluss: „Da passt doch ein Schwarzer gar nicht hinein. Also farblich.“ Selbstredend ist Polt in keiner Weise ein Verfechter der politischen Korrektheit und verwendet dabei das böse Wort mit „N“.

Alles nur Satire? Seit der gestrigen Sitzung des Ingolstädter Sozialausschusses bin ich mir da nicht mehr so sicher. Zwar liegt Ingolstadt nun nicht im Voralpenland, aber dennoch scheinen auch hier Schwarze nicht ins Bild zu passen. Also farblich. Und dieser Verdacht kam gleich bei zwei Tagesordnungspunkten auf.

Gut, der Nigerianer an sich neigt dazu, gerne etwas dunkler zu sein. Um nicht zu sagen schwarz. Und das war wohl auch der Grund, warum die Stadtspitze mit dem bayerischen Sozialministerium übereingekommen ist, die Zahl der in Ingolstadt lebenden Nigerianer von derzeit 700 auf rund 500 zu reduzieren. Etwa 220 werden „abverlegt“, wie es im Beamtendeutsch heißt. Und mit anderen Nationalitäten „aufgefüllt“, wie es ebenfalls im Beamtendeutsch heißt.

Da war es nur natürlich, das BGI-Stadtrat Jürgen Siebicke für seine Verhältnisse sanft die Frage stellte, o man in Ingolstadt keine Schwarzen haben möchte und ob das mit anderen Volksgruppen auch so gemacht werde. Ganz so sanft sollte Siebicke im Verlauf der Sitzung indes nicht bleiben.

Zunächst aber pflichteten ihm Petra Kleine (Grüne), Gerd Werding (UDI) und Veronika Peters (SPD) erst einmal bei. Auch sie fand diese Obergrenze bedenklich. Zumal jeder erahnen kann, warum es ausgerechnet die Nigerianer sind, deren Zahl man in Ingolstadt gerne reduziert hätte. Weil sie, wie Gerhard Polt es ausdrückte, farblich halt nicht hineinpassen. Ohne satirischen Unterton: Weil dunkelhäutige Menschen bei vielen Bürgern ein mulmiges Gefühl verursachen.

Dass dem so ist, das belegte auch ein Antrag der CSU, in den Asylbewerberunterkünften das kostenlose Bayern WLAN zu installieren. Es war auch nicht die Idee – die nebenbei bemerkt von anderen Fraktionen bereits mehrfach formuliert worden war –, sondern die Begründung, die die Wellen höherschlagen und den Hals von Jürgen Siebicke anschwellen ließ. „Seit Beginn der Flüchtlingskrise ist zu beobachten, dass sich vermehrt Asylbewerber auf dem Rathausplatz und in der Innenstadt aufhalten. Augenscheinlich verbringen sie dort viel Zeit, weil freies W-LAN angeboten wird“, heißt es in dem Antrag wörtlich.

Und Jürgen Siebicke befand hörbar aufgebracht, dass das die AfD nicht besser hätte schreiben können.

Gegen diesen Vergleich und auch Siebickes Tonfall verwahrte sich wiederum Dorothea Deneke-Stoll, unbewusst gleich noch einen draufzulegen. Denn sie bezeichnete die Einrichtung eines WLAN in Asylbewerberunterkünften als „Win-Win-Situation“. Mit dem einen „Win“ sind wohl die Asylbewerber gemeint, mit dem anderen „Win“ die Ingolstädter Bürger. Und da wären wir wieder bei Gerhard Polt und der „farblichen“ Disharmonie.

Alle Menschen sind gleich. Es sei denn sie sind Asylbewerber. Das kam bei der Diskussion ganz am Rande heraus. Denn für das freie WLAN in den Unterkünften würden die Asylbewerber selbstredend zur Kasse gebeten. Das heißt, ihnen würde das Taschengeld gekürzt. Nicht wirklich verständlich. Denn jeder Ingolstädter Bürger kann das Bayern WLAN kostenfrei nutzen, ob er sich nun auf dem Rathausplatz oder einem anderen Punkt einloggt. Warum also müssen Asylbewerber dann dafür bezahlen? Das hielt denn auch Stadtrat Thomas Thöne (ÖDP) zu Recht für „hirnrissig“.

 

 

 

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