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„Bayern ist nicht der Vorhof zum Paradies“

20.03.2018 - 09:40

Authentizität, rote Schals und ein freches Lächeln als Medizin gegen Politikverdrossenheit und Filz

Von Veronika Hartmann

Man sieht sie schon von weitem kommen, mit ihrem langen, roten Schal und ihrem breiten Lächeln, ihren blonden Haaren und ihren Ökotretern, die extrem bequem aussehen. Das ist sie, Eva Bulling-Schröter, die bekannteste Linke von der Schanz. Wer sich in Ingolstadt mit Politik beschäftigt, ist in den vergangenen vier Jahrzehnten kaum um sie herumgekommen. Bulling-Schröter ist überzeugte Aktivistin, routinierte Polikerin, werktätiges Mitglied der Gesellschaft und tut seit vierzig Jahren vor allem eins: sich einmischen und zu den Dingen stehen, an die sie glaubt.

Die Ingolstädter Wähler haben ihr das schon mehrfach gedankt: mit Bundestagsmandaten. Von 1994 bis 2002 und erneut von 2005 bis 2017 saß die überzeugte Linke in Bonn und Berlin im Bundestag - nachdem sie sich bei den vergangenen Wahlen nicht hatte aufstellen lassen, ist es ihrer Partei nicht wieder gelungen, von Ingolstadt aus einen Sitz im Bundestag zu ergattern.

Nicht nur, weil die Ingolstädter bei den Wahlen einen Rechtsruck bevorzugt haben, sondern vor allem, weil Eva Bulling-Schröter durch ihre Authentizität auch die Herzen von Wählern erweicht, die sich sonst nicht für ihre Partei entscheiden würden.

Eva Bulling-Schröter ist ein politisches Highlight in der Region, weil ihre Vita sich wie aus einem Bilderbuch von Astrid Lindgren liest. Mit 18 verließ sie als junge Frau ihr unpolitisches Elternhaus und begann, angeregt durch den Putsch in Chile im Jahr 1973, sich für Politik, genau genommen für linke Politik zu interessieren und einzusetzen. Was sie beruflich werden wollte, stand auch bereits fest: Testfahrerin. Allerdings musste man dazu einen klassischen Männerberuf erlernen - in der damaligen Zeit - Bulling Schröter ist Jahrgang 1956 - noch eine echte Herausforderung. Nicht nur für die junge Frau, sondern auch an ihre Kollegen, die sich ebenfalls erst daran gewöhnen mussten, dass plötzlich eine Vertreterin des „zarten Geschlechts“ neben ihnen an der Werkbank „ihren Mann stand“. Denn Eva Bulling-Schröter war es gelungen, einen Ausbildungsplatz als Schlosserin bei Audi zu ergattern. „Der Beruf hat mir wirklich Spaß gemacht“, sagt sie heute. Zuletzt war sie von 2002 bis 2005 wieder an ihrem alten Arbeitsplatz bei Rieter, nachdem ihre damalige Partei, die PDS, nicht mehr in den Bundestag gewählt worden war: „Die ersten drei Wochen im alten Job war ich klinisch tot“, erzählt sie lachend den Wechsel von der Bundesregierung zurück ins Schlosserhandwerk. Übrigens war sie in der letzten Legislaturperiode die einzige „klassische Arbeiterin“ im 18. Deutschen Bundestag.

Obwohl sie mit Unterbrechungen seit 1994 bei der ganz großen Politik mitgemischt hat, blieb sie nicht nur ihren Prinzipien treu, sondern auch ihren Nachbarn und ihrer Heimat, der Schanz: Bei Regen, bei Schnee und Sonnenschein kann man sie an forderster Front demonstrieren sehen: zuletzt für bessere Arbeitsbedingungen bei Audi, für den geplanten Donauauen-Nationalpark beim Besuch des designierten Ministerpräsidenten Markus Söder und für den Frieden bei der Sicherheitskonferenz in München. Früher war sie zu solchen Anlässen stets von ihrem Hund Chicco begleitet, heute bleibt er lieber bei seinem Hundesitter und lässt Frauchen die Welt alleine retten. Denn anders als der spanische Straßenhund, der mittlerweile in die Jahre gekommen ist, ist die 62-Jährige noch lange nicht müde oder mit ihrem politischen Latein am Ende. Wenn sie nicht auf der Straße für ihre Überzeugungen eintritt und ihre Solidarität bekundet, ist sie als geschäftsführender Landesvorstand der Linken tätig und Sprecherin der Landesarbeitsgruppe Umwelt und Tierschutz. Auch im Bundestag waren ökologische Themen ihr Schwerpunktgebiet: Sie war umweltpolitische Sprecherin ihrer Partei. Bulling-Schröter spricht sich für einen schnelleren Atomausstieg, die verstärkte Nutzung regenerativer Energien und eine am Prinzip der Nachhaltigkeit orientierte Nutzung der natürlichen Ressourcen aus. Von November 2009 bis Januar 2014 war sie Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Zwischen 2005 und 2009 war sie dessen stellvertretende Vorsitzende. Die dort gewonnenen Überzeugungen setzt sie auch in ihrem Privatleben um: Sie tauscht und verschenkt lieber, als dass sie wegwirft oder kauft, und lebt vegetarisch.

Seit September pendelt Eva Bulling-Schröter nicht mehr zwischen Berlin und Ingolstadt, sondern hat sich wieder gut in ihrer Heimatstadt eingelebt und gleich neue Pläne geschmiedet. „Nach so langer Zeit muss man einfach etwas anderes machen“, findet sie und hat bereits ein geeignetes Projekt gefunden. Sie hofft, in den Bayerischen Landtag gewählt zu werden, damit auch ihre Heimatregion aus ihren Erfahrungen aus Berlin und der großen Politik profitieren kann. „Bayern ist nicht der Vorhof zum Paradies“, erklärt sie und zählt einige Punkte auf, die sie auf lokaler Ebene gerne verbessern würde. „Bayern steht für leben und leben lassen und genau das ist mein Wahlmotto“, schwärmt sie. Weil sie ihre Heimat liebt, möchte sie sich dafür vor Ort einsetzen: „Ich möchte die Natur bewahren, es ist doch so schön hier.“ Gleichzeitig möchte sie die Städte wieder lebenswerter gestalten: „Wir brauchen Einkaufsmöglichkeiten in den Vororten und Wochenmärkte mit regionalen Produkten“, sagt sie. Damit würde man nicht nur die bayerische Wirtschaft fördern, sondern auch die Stadtviertelkultur stärken. Aber Bulling-Schröter hat auch Vorwürfe: „Auch in Bayern gibt es Leiharbeit und Kinderarmut“, klagt sie und betont:  „Die CSU spielt die Armen gegen die Ärmsten aus“. Und das ist für die überzeugte Linke genau das, was gute Politik vermeiden sollte. Stattdessen sei Solidarität mit den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft gefordert.

Dass das im Falle von Eva Bulling-Schröter keine leeren Worthülsen sind, kann man mit einem Blick auf ihre Internetseite schnell erkennen: Die Summe der Spenden, die sie aus ihrer privaten Tasche jeden Monat stemmt, ist beachtlich und hat mittlerweile einen fünfstelligen Betrag erreicht: „Ich habe genug zum Leben und brauche nicht mehr“, sagt sie und fügt hinzu: „Wenn ich helfen kann, dann tue ich das gern.“ Die Liste der Empfänger ist lang und beweist, dass es Bulling-Schröter nicht nur darum geht, ihre persönlichen Anliegen zu verfolgen, sondern tatsächlich für alles und jeden ein offenes Ohr zu haben.

Für die Schanzer ist der frische Wind, den die Ex-Berlinerin in die Stadt weht, sicherlich ein Gewinn. Die Ideen, Inspirationen und Erfahrungen aus der Großstadt können auch an der Donau nicht schaden und die positive Ausstrahlung gepaart mit ihrem unaggressiven Durchsetzungsvermögen macht Eva Bulling-Schröter geradezu zu einer Wunderwaffe gegen Politikverdrossenheit und Resignation.