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Zynismus der genialen Art

25.02.2016 - 11:04

Beim Starkbieranstich von Herrnbräu in der Ingolstädter Schanzer Rutsch’n sorgte Fastenprediger Florian Erdle aus Pfaffenhofen wieder einmal für bitterböse Unterhaltung von höchster Qualität

(ty) Mit einem Feuerwerk aus Pointen und gescheiten Bosheiten untermauerte der Pfaffenhofener Stadtjurist Florian Erdle gestern Abend in der Schanzer Rutschn wieder einmal den Ruf des Herrnbräu-Starkbieranstichs als das kabarettistische Highlight des Jahres in Ingolstadt. Jeder, der in Ingolstadt auf sich hält, war da. Und lachte sich krumm über die bitterböse kommunalpolitische Analyse des sprachgewandten Zynikers aus Pfaffenhofen – dem „Großbritannien der Region 10“, wie Erdle es nach der geplatzten Sparkassen-Fusion bezeichnet.

„Hochgeschätze umfragestarke Oberbürgermeister, noch leidlich finanzstarke Unterbürgermeister und koalitions-geschuldete sonstige Bürgermeister“, begrüßte er seine prominenten Gäste, „ehrbare Vertreter der Großfinanz sowie Vertreter der örtlichen Sparkasse.“ Und natürlich mit dem „traditionellen Ingolstädter Stadtratsgruß: Saludos Amigos.“

Es gab kaum ein aktuelles Thema, das Erdle unkommentiert ließ, kaum eine politische Debatte, die seiner scharfzüngigen Kritik entkam. Vom Dieselmotor EA 189, dem „Motor des Teufels“ und einem neuen Audi-Slogan „Rücksprung durch Technik“ bis zum Albert Wittmanns nahe legendärer Kulturverbundenheit reichte Erdles Schlachtfeld des Humors. „Audi, aber VW“ stellte er als Motto über die von ihm ausgemachten „finsteren Zeiten“ oder „noch prägnanter: Ingolstadt, eine Stadt der Kultur unter Wittmann.“ Das Gelächter war dementsprechend über die Spitzen des Pfaffenhofeners. "Aber Ingolstadt wäre nicht Ingolstadt  – hoffnungslos und selbstbewusst –, wenn man nicht auch so ein mittleres Debakel noch schön reden würde."

Selbst Finanzbürgermeister Wittmann sage angesichts der leeren Kassen, man müsse umdenken. „Andere sagen, denken wäre bei Wittmann schon ein Anfang.“ Und schließlich seien die Zeiten so schlecht, dass die Anwesenheit von Audi-Justiziar Wagener doch belege, dass „sogar die Audi-Oberen schon jede Gelegenheit nutzen, wo das Essen nichts kostet.“

Da helfen auch keine Jubiläen mehr, wie 20 Jahre Westpark. „Eine Erfolgsgeschichte“, meinte Erdle, „aber auch 20 Jahre IN-City. Das gleicht sich wieder aus.“

Selbst OB Lösel Wohlstandsbauch war dem Fastenprediger eine Passage wert. Seine Art der Bürgernähe bezeichnete er als eine Mischung aus Lehmann und Schnell. „Auf Deutsch, er ist noch ein bisserl zwangslocker.“

Und immer wieder Wittmann: „Wer einen Kulturschock haben möchte, braucht nur im Kulturausschuss eine halbe Stunde dem Finanzbürgermeister zuhören. Das funktioniert garantiert.“ Auch der große Sohn der Stadt, Horst Seehofer, kam bei Erdle nicht ungeschoren davon. Er sei in seinen Reden schwächer als eine mittlere Musikantenstadel-Moderation. „Und deutlich weniger unterhaltsam als Stoiber, die Wolfratshausener Äh-Maschine.“ Mit dem, was Seehofer sage, habe er durchaus das Zeug zu einem Freien Wähler: „Das ist jetzt kein Kompliment“, meinte er in Richtung FW-Tisch. Und auch seine Heimat Pfaffenhofen bekam ein paar Hiebe ab. Nicht nur ob der geplatzten Sparkassen-Fusion. „Sie in Ingolstadt haben ein Medizinhistorisches Museum, wir in Pfaffenhofen auch. Bei uns heißt das Ilmtalklinik.“

Die Neubesetzung der CSU-Fraktionsspitze im Stadtrat mit Patrizia Klein war natürlich ein Thema. „Unter allen, die nicht für den Posten in Frage kommen, ist die Klein die Qualifizierteste. Immerhin ist einer ihrer Schwerpunkt die Inklusion von schwer Erziehbaren.“ Und wer soll es denn machen? In der Stadtratsfraktion der CSU zu sein, sei schon Unsinn genug. Und selbst Hans Süßbauer habe im jüngsten im Kulturausschuss doch unter Beweis gestellt, warum er „für den Posten bestimmt nix ist“.

Es sei ein Lob wert, wenn es der CSU gelinge, das Gemeinnützige mit dem Familienfreundlichen zu verbinden. „Die CSU tut wenigstens etwas für die Kleinfamilien . . . oder die Familie Klein“, stieß er mitten hinein in das Schanzer Herz aus Filz. Und dass ihr Mann, der ja nach feinster Amigo-Tradition die Geschäftsführung der Veranstaltungs-GmbH übernimmt, nicht qualifiziert sei für den Posten, relativierte Erdle mit einem Zitat des Wolnzacher Bürgermeisters: „Fachwissen beeinträchtigt nur die freie Rede.“

Musikalisch umrahmt von den „Stierolern“ und einer kurzen, spontanen Einlage der Hepberger „Göltnschmierer“ zeigte Florian Erdle gestern erneut, was eine Fastenpredigt im besten Sinn sein kann, und verdiente damit für Herrnbräu das Lob, hinter ihm zu stehen und die manchmal auch schmerzhafte Derbleckerei mitzutragen. Und das ist gut so, denn sonst wäre dieser Starkbieranstich so belanglos wie andere. Dass er es nicht ist, das liegt an der nach wie vor höchsten Qualität eines Fastenpredigers, dem zuzuhören immer wieder ein Vergnügen ist und der eine Stunde wie im Flug vergehen lässt.