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Unzulässige Obduktion

06.09.2013 - 08:11

Das Klinikum Ingolstadt nimmt Stellung zum Urteil des Landgerichts 

(ty) In einer Presseerklärung nimmt das Ingolstädter Klinikum Stellung zu dem gestrigen Urteil des Landgerichts Ingolstadt, in dem das Klinikum zur Zahlung eines Schmerzensgeldes an die Familie Hofmann verurteilt wurde. Gerügt wurde die mit den Eltern der im Klinikum gestorbenen Tochter nicht abgesprochene Obduktion des Mädchens. In der Erklärung schildert das Klinikum nun den Fall und die juristische Auseinandersetzung:

„Mit erstinstanzlichem Urteil hat das Landgericht Ingolstadt die Klage der Eltern Hoffmann gegen das Klinikum Ingolstadt auf Schadenersatz wegen des Vorwurfes eines Behandlungsfehlers abgewiesen. Das Landgericht Ingolstadt sprach den Eltern ein Schmerzensgeld insoweit zu, als ihre Tochter ohne Zustimmung der Eltern im Klinikum Ingolstadt obduziert wurde.

Am 14. Januar 2006 wurde deren Tochter durch den ärztlichen Notdienst im Klinikum Ingolstadt stationär aufgenommen. Sie wurde vor Aufnahme bereits mehrtägig vom Hausarzt betreut. Die schwere ambulant erworbene Lungenentzündung der Patientin wurde mittels einer Antibiotikatherapie behandelt. Am 16. Januar 2006 erfolgte die Verlegung auf die internistische Intensivstation, die begonnene Therapie wurde fortgeführt. Nach anfänglicher Besserung des Zustandes der Patientin kam es zu Herzrhythmusstörungen mit Blutdruckabfall. Trotz medikamentöser Therapie und Anlage einer Schrittmachersonde konnten keine eigenständigen Herzaktionen mehr ausgelöst werden, die Patientin starb am 22. Januar 2006.

Die Eltern haben 2007 bei der Staatsanwaltschaft Ingolstadt Strafanzeige gegen den behandelnden Klinikdirektor wegen fahrlässiger Tötung gestellt. Die von der Staatsanwaltschaft beauftragten fachinternistisch-kardiologischen Gutachter kamen zu dem Ergebnis, dass kein Hinweis auf mangelnde Sorgfalt oder einen ärztlichen Behandlungsfehler gefunden werden kann, die durchgeführte Diagnostik und Therapie entsprach den aktuellen intensivmedizinischen Standards. Das Ermittlungsverfahren wurde im März 2007 eingestellt.

Gegen diese Einstellung haben die Eltern Beschwerde eingelegt, es wurde von der zuständigen Staatsanwaltschaft ein Ergänzungsgutachten beauftragt. In diesem Ergänzungsgutachten vom Juli 2007 wurde bestätigt, dass die gewählte Antibiotikatherapie für eine schwere ambulant erworbene Lungenentzündung korrekt war, unabhängig davon deckte die gewählte Antibiotikakombination alle üblichen und auch seltenen Erreger der ambulant erworbenen Lungenentzündung ab. Die Sachverständigen bestätigten erneut, dass sich kein Hinweis auf mangelnde Sorgfalt oder einen ärztlichen Behandlungsfehler erkennen lasse.

Die Eltern haben Einwände gegen dieses Ergänzungsgutachten vorgetragen, so dass es zu einem zweiten Ergänzungsgutachten vom Oktober 2007 gekommen ist, mit dem Ergebnis, dass das Ermittlungsverfahren wieder eingestellt worden ist.

Die Eltern haben im November 2007 gegen diese wiederholte Einstellung des Ermittlungsverfahrens nochmals Beschwerde eingelegt, der zuständige Generalstaatsanwalt hat das Verfahren in 2008 erneut eingestellt. Die Eltern haben dann ein Klageerzwingungsverfahren angestrebt, das durch das zuständige Oberlandesgericht München abgelehnt wurde. Auch ein erneuter Antrag auf Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens durch Vorlage eines Privatgutachtens der Eltern wurde im Dezember 2008 zurückgewiesen.

Im Mai 2009 haben die Eltern eine Zivilklage beim Landgericht Ingolstadt eingereicht, mit dem Antrag auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Ein vom Landgericht beauftragter Gutachter hat ebenso festgestellt, dass kein kausaler Behandlungsfehler vorliegt. Einen Schadenersatz wegen eines Behandlungsfehlers konnte das Landgericht den Eltern somit nicht zusprechen.

Im gestrigen Urteil wird das Klinikum Ingolstadt zur Zahlung von Schmerzensgeld verpflichtet. Die vorgenommene Obduktion der Patientin war rechtswidrig, sie erfolgte ohne Einwilligung der Eltern. Es liegt eine Verletzung des Totenfürsorgerechts der Eltern vor. Im Vorfeld der Klage haben die Eltern Strafanzeige wegen Störung der Totenruhe gegen den Arzt gestellt, der die Obduktion der Patientin freigegeben hat. Dieses Ermittlungsverfahren wurde eingestellt, auch die Beschwerde gegen diese Einstellung wurde abgewiesen.

Die Verantwortlichen des Klinikum Ingolstadt haben die ohne Einwilligung der Eltern durchgeführte Obduktion von Anfang an eingeräumt und dieses Vorkommnis intern aufbereitet. Als Ergebnis ist festzuhalten, dass die Freigabe zur Obduktion unter den beteiligten Ärzten nicht eindeutig kommuniziert wurde, die Zahlung eines Schmerzensgeldes an die Eltern wird seitens des Klinikum Ingolstadt selbstverständlich angenommen und bestätigt.

Der Tod eines Kindes ist für Eltern nur schwer zu begreifen und die Frage nach dem „Warum“ ist quälend. Die Suche nach einer Antwort, nach einem Verantwortlichen, kann ein Aspekt im Trauerprozess sein und das hat das Klinikum Ingolstadt auch respektiert. Die Eltern wurden von der durchgeführten Obduktion emotional tief getroffen, wir bedauern dies außerordentlich und entschuldigen uns für diesen Fehler.

Das Klinikum Ingolstadt wird nunmehr die schriftlichen Entscheidungsgründe des Urteils abwarten.“