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Gysi rockt den Festsaal

01.03.2017 - 21:20

Mit ihrem Stargast Gregor Gsysi haben die Linken in diesem Jahr die Akzente gesetzt beim politischen Aschermittwoch 

Von Michael Schmatloch

Er ist einfach ein brillanter Redner, der Humor mit ernster Politik, amüsante Anekdoten mit harten Fakten so souverän zu mischen weiß, das er seine Zuhörer nachhaltig fasziniert. Und von denen hatte er jede Menge heute Abend im Festsaal des Stadttheaters Ingolstadt. Der Saal war beinahe bis auf den letzten Platz gefüllt. Und das bei 100 aktiven Mitgliedern im Kreisverband der Linken.

Und die, die gekommen waren, selbstredend wegen Gysi, bekamen heute Abend eine politische Weltreise geboten, ausgehend von der jüngsten Großstadt Bayerns bis nach Washington, wo Donald Trump die Welt in Aufruhr versetzt. Und mit ihr Gregor Gysi.

Zunächst aber war es Eva Bulling-Schröter, die scheidende Bundestagsabgeordnete der Linken, die, wie sie heute sagte, nicht das Feld räumt, sondern nur die Fronten wechselt. Denn sie will Roland Meier die Bundespolitik überlassen und sich für den Stadtrat in Ingolstadt und den Landtag in München stark machen. „Weil die CSU eine starke Linke verdient hat.“

Deswegen war ihr Thema heute auch nicht so sehr die große Politik, sondern die kleine, die, die Ingolstadt und Regensburg in jüngster Zeit so vergleichbar gemacht habe. „Ermittlungen gegen den jeweiligen Alt-OB wegen Vorteilsnahme. Immobilien sind dafür ja immer interessant“, so Bulling-Schröter. Alfred Lehmann lebe die Rente mit 67 vor und habe sich deswegen einen Nebenjob gesucht als Headhunter. „Nach dem Motto: Es ist genügend Geld vorhanden. Man muss nur zu denjenigen gehören, die es sich nehmen können.“

Selbstredend war auch die Klinikums-Affäre eines ihrer Themen, wie die Fragenkataloge der Opposition oder die Haderthauer-Affäre. „Ich frage mich, ob es bei der Staatsanwaltschaft Ingolstadt schon eine eigene Abteilung CSU gibt.“

Nachdem sich auch der neue Bundestagskandidat der Linken, Roland Meier, in einem Interview mit seiner Vorgängerin vorgestellt hatte, spielte die Band „Bartls Most“ dann den Stargast des Abends ein, Gregor Gysi. Und der schwadronierte erst einmal über das Alter. „Ich bin jetzt 69 Jahre alt und habe mich entschlossen, einen Antrag in den Bundestag einzubringen, dass das Jahr 2018 ausfällt.“ Und an die Älteren im Saal gerichtet: „Quatscht bloß nicht über Krankheiten, dann werdet ihr auch krank“. Man werde erst mit 50 erwachsen. Vorher habe man noch die Privilegien der Jugend. „Wenn Du da Fehler begehst, sagt man, das lernt er noch.“ Mit 50 hingegen habe man nicht mehr die Privilegien der Jugend, aber auch noch nicht ein einziges Privileg des Alters. „Das ist die schlimmste Zeit zwischen 50 und 60. Da wirst du nur hart rangenommen.“

Das launige Vorspiel indes war nur die Hinführung zu einer ausufernden Lobeshymne auf Eva-Bulling-Schröter, auf ihre Geradlinigkeit und Zuverlässigkeit. Und auf seine Gedanken im Jahr eins nach der Wahl von Donald Trump.

„Die Welt ist aus den Fugen geraten. Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten kann mehr bedeuten, als wir uns das gegenwärtig vorstellen können“, so Gysi. Zwei Dinge stecken seiner Meinung nach hinter dieser Wahl. Ersten, weil Trump nicht zum politischen Establishment. Die Hälfte der Wähler in den USA sei so fertig mit diesem Establishment, dass sie eine Clinton nicht wählen. „Sie wählen einen, der von außen kommt, ganz egal, welches kulturelle Niveau er besitzt. Das hat die deutsche Politik noch nicht begriffen. Wenn das jetzt in den USA passiert, ist das in zwei Jahren bei uns so weit.“ Die Politikergeneration von heute schwimme nur im eigenen Saft. „Die geht nicht nach Hause.“

Der zweite Grund, warum Trump die Wahl gewonnen habe, sei, weil er auf Abschottung setze. Er wolle nur die Interessen der Vereinigten Staaten fördern, so wie er sie verstehe. „Die anderen Länder sind ihm völlig wurst.“ Und aus diesem Gedanken entwickelte Gysi sein Verständnis von links. Ein Deutscher, der nur auf der Seite der schwachen Deutschen stehe, ein Amerikaner, der nur auf der Seite der schwachen Amerikaner stehe, sei nicht links. „Der kann auch ganz rechts sein. Links bist du erst, wenn du an der Seite aller Schwachen stehst.“